Klimatisch Bewegt


„Der Alpentourismus wird beinahe zum Disneyland“

Andreas Künk aus Schruns über klimatische Veränderungen in den Bergen

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Foto: Andreas Künk

(lisi) Die Entwicklung der Gletscher als deutliche Auswirkung des Klimawandels,  der weltweite Rückzug der Gebirgsgletscher, gehört wohl mitunter zu den sichtbarsten Zeichen, dass sich das Klima der Erde markant verändert hat. Ferner, als welche Gletscher oftmals in unserem Sprachgebrauch betitelt werden, gelten als Schlüsselindikatoren für Klimaveränderungen. Über dieses Faktum, und auch über die Kommerzialität und den damit verbundenen Abenteuer-Massentourismus am Berg, spricht der Montafoner Andreas Künk, selbst Alpinist, selbstständiger Fotograf, Vortragsreferent und Buchautor in einer praxisnahen Analyse mit dem PASSIVHAUSmagazin.

Seit 1985 führen Sie zahlreiche Reisen und Bergtouren, unter anderem in die Westalpen, nach Afrika, auf die Arabische Halbinsel, nach Ost- und Südostasien, Nepal, Iran, Russland und Nordamerika. Dabei bestiegen Sie über 70 Fünf- und Sechstausender. Ihr bevorstehender 50. Geburtstag im Oktober bietet eine Gelegenheit, zurückzublicken: Wie kam es einst zu dieser Leidenschaft? Und gab es besonders prägende Erlebnisse?
Andreas Künk:
Seit meiner Jugend stellt dies für mich ein konstantes Hobby dar, das im Laufe der Jahrzehnte stets ausgedehnt (und auch zum Beruf) wurde – sozusagen vom Montafon in die Berge dieser Welt. Auf anfängliche Bergtouren mit dem Vater in meiner Kindheit, folgten Solo-Hüttentouren als Zwölfjähriger (schmunzelnd: Damals noch in Kniebundhosen), diese wurden dann kontinuierlich gesteigert mit Übernachtungen auf Hütten oder anschließenden Gipfeltouren. Seither war ich allein in Nepal 23 Mal. Ein besonderes Erlebnis war es, das erste Mal vor der 4.000 Meter hohen Wand des Bergmassivs Annapurna zu stehen – den Menschen in Nepal habe ich übrigens auch eines meiner Bücher gewidmet. Das extremste Abenteuer erlebte ich in Alaska bei Temperaturen bis zu minus 54 Grad Celsius.

Zum Thema der Erderwärmung: Diese bringt besonders auch für den Bergsport Veränderungen mit sich. Teilen Sie diese Meinung?
Andreas Künk
: Auf jeden Fall. Die Routen verändern sich permanent, es wird immer gefährlicher. Beispielsweise war es vor Jahrzehnten problemlos möglich, den Ochsentaler Gletscher über das „Wiesbadner Grätle“ mit einem großen Schritt vom Fels ins Eis zu erreichen -  jetzt ist hier eine zehn Meter tiefe und fünf Meter breite Randkluft zu finden, da geht nichts mehr mit einem „großen Schritt.“ Die ehemaligen Originalrouten des Piz Buin sind zudem längst nicht mehr begehbar. Als ich vor 36 Jahren erstmals auf dem Piz Buin war, sind der Ochsentaler und der Vermunt Gletscher ineinander übergegangen, zwischenzeitlich sind beide deutlich zurückgegangen.

„In den Alpen herrscht – verglichen mit anderen Regionen dieser Welt – ein regelrechter Massen-Alpintourismus.”

Besonders in Nepal und Südamerika scheint es Gletscher zu geben, die nach wie vor „wachsen“ – können Sie uns hierzu Ihre Sichtweise näherbringen?
Andreas Künk:
In entlegenen Gebieten dieser Welt gibt es weniger Schadstoffbelastungen, Industrie, auch weniger Flugverkehr, etc. Klimaveränderungen sind jedoch global betrachtet, mehr und mehr spürbar. Der Kilimanjaro-Gletscher hat sich beispielsweise in 20 Jahren halbiert. Ein Beispiel ist auch im Berner Oberland zu finden: Die Koncordiahütte wurde bei der Errichtung 1877 direkt zum Gletscherrand gebaut, nun muss man von dieser mehr als 200 Meter zum Gletscherrand aufsteigen.

Wie hat sich das Klima konkret in den vergangenen Jahrzehnten verändert?
Andreas Künk:
Früher war es so, dass die Schneemengen größer waren, nun sind diese geringer, die Temperaturen im Frühjahr sind jedoch deutlich gestiegen. Die geringeren Schneemengen schmelzen schneller, was zur Folge hat, dass darunterliegende Eisschichten durch die Sonneneinstrahlung schneller angegriffen werden. Der Rückgang des Gletschers und wärmere Temperaturen führen auch dazu, dass Geröllschichten nicht mehr gefroren sind, was zur Folge hat, dass diese in Bewegung geraten. Durch diese Veränderungen entstehen Spannungen an der Oberfläche, mehr Risse und dadurch vermehrt Gletscherspalten.

Wie hat sich aus Ihrer Sicht der Alpentourismus verändert?
Andreas Künk:
Klettersteige sprießen wie Pilze aus dem Boden. Diesen Trend sehe ich als eine sehr „wartungsintensive Geschichte“ – die Gefahren sehe ich besonders bei Veränderungen des Gesteins, es wird zunehmend brüchiger, die Gefahr von Felsabbrüchen bei Klettersteigen steigt meines Erachtens nach. In den Alpen herrscht – verglichen mit anderen Regionen dieser Welt – ein regelrechter Massen-Alpin-tourismus. Ich würde sagen, der Alpentourismus wird beinahe zum Disneyland. In anderen Regionen, beispielsweise in Nepal oder Pakistan, stellt der Bergsport kein Hobby für die einheimische Bevölkerung dar, vielmehr ist dieser als wichtige Einnahmequelle für die Menschen im Land zu betrachten.

Sind Klimaveränderungen – abgesehen von der Gletscherschmelze – auch in tieferen Bergsteig- und Wandergebieten spürbar? Wenn ja, wie?
Andreas Künk:
Ja, aus meiner Sicht auch für Wanderer, denn: Wetterumschwünge kommen wesentlich ausgeprägter und schneller als früher. Die Menschen beschäftigen sich zudem nicht mehr mit Langzeitwetterentwicklungen und mit einem schnellen Blick auf die Webcam kann vieles nicht eingeschätzt werden.

Worauf sollten Bergsportler achten? Welche Tipps geben Sie Kollegen mit auf den Weg?
Andreas Künk:
Ich bin der Meinung, dass eine gute Ausrüstung zwar einen wesentlichen Bestandteil darstellt, jedoch sollte man sich auch umfangreich damit befassen – es reicht nicht aus, diese im Rucksack mitzuführen. Und: So schön optische Eindrücke von diversen Webcams sein mögen, diese Impressionen zeigen die örtlichen Verhältnisse nicht. Beispielsweise ist nicht sichtbar, ob der Schnee durch Schneefall oder Windverwehungen in diverse Rinnen gelangt ist – denn: Schnee ist immer weiß. Mittlerweile werden bereits im Dezember Skitouren gegangen, das kann gefährlich sein, denn zu dieser Jahreszeit ist der Schnee meist noch nicht verdichtet.

Sie kennen die Berge dieser Welt. Und verpacken diese Impressionen als selbstständiger Fotograf visuell, aber auch rhetorisch mit diversen Themenvorträgen. Welchen Kernthemen widmen sich Ihre Vorträge?
Andreas Künk:
Mittlerweile sind sieben meiner Bücher erschienen. Diese zeigen nicht nur Bildimpressionen, auch legt der deutsche Verlag (Tecklenborg Verlag) viel Wert darauf, dass diese durch umfangreiche Informationen bereichert werden. Zudem erscheint jährlich auch ein Montafon-Kalender (Auflage 1.500 Stück) mit Impressionen aus meiner Heimat. Die Themenvorträge sind an meine Bücher angelehnt – jetzt im Oktober 2018 startet eine mehrwöchige Vortragsserie in Deutschland (Termine siehe: www.augenblicke.biz).

In ihrem breit gefächerten Kundenangebot finden sich auch Fotoreisen – wohin führen Sie diese Reisen?
Andreas Künk:
Ich sehe mich sozusagen als Bindeglied oder Mittelsperson zwischen dem Veranstalter, den Einheimischen und den reisenden Personen. Bisher habe ich nicht nur Trekkingreisen, auch Fotoreisen wie Safarireisen in Afrika, oder Reisen zu den Gorillas Ugandas, uvm. gemacht. Oftmals ist es nicht einfach, da die Gruppen sich vorher nicht kennen und einfach zusammengewürfelt werden. Ich erinnere mich an eine Kilimanjaro-Reise, diese Gruppe setzte sich aus vier Nationalitäten zusammen – neben Extremsituationen auf den Bergen kommen oftmals noch sprachliche Barrieren hinzu (schmunzelnd).

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Klimatisch Bewegt


„Das Frustrationsniveau ist hoch“

Österreichs Solarexpertin und Energiebloggerin Cornelia Daniel kommentiert den Entwurf zur Klima- und Energiestrategie

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Foto: Tony Gigov Tausendundein Dach

(lisi) Konstruktive Kritik am Entwurf der Klima- und Energiestrategie übt Österreichs Solarunternehmerin, Energiebloggerin und zugleich Initiatorin des privaten „Tausendundein Dach-Programms“, Cornelia Daniel. Im Interview mit dem PASSIVHAUSmagazin definiert die Expertin unser Nachbarland Deutschland als positives Vorbild im Bereich Photovoltaik und spricht auch über Ideen, die den prozentuellen Anteil dieser alternativen Energiegewinnung steigern könnten. Dabei plädiert die Expertin klar in Richtung einer Staatsoffensive.

Daniel, Österreichs Umweltministerin Elisabeth Köstinger und Verkehrsminister Norbert Hofer haben einen Entwurf für eine integrierte Klima- und Energiestrategie (IKES) „#mission2030“ veröffentlicht. Sie als Solarunternehmerin und Energiebloggerin waren von diesem Entwurf enttäuscht. Warum genau?
Cornelia Daniel:
Dazu ist zu sagen, dass dies mittlerweile die dritte oder vierte Regierung (ich hab den Überblick verloren) ist, die einen Versuch startet, eine Energie- und Klimastrategie auf den Weg zu bringen. Die Erwartungshaltung und auch das Frustrationsniveau in der Branche ist dementsprechend hoch. Dass nun zumindest mal ein Papier auf dem Tisch liegt, ist erstmal positiv und wenn umgesetzt wird, was in manchen Passagen enthalten ist, gibt es ebenfalls Grund zur Hoffnung. Vor allem das Vorhaben, dass es mittelfristig in ganz Österreich keine klimaschädlichen Investitionen, weder öffentlich noch privat, mehr geben darf, ist ein hehres Ziel und wenn umgesetzt, dann darf de facto auch kein einziges fossil betriebenes Auto mehr gekauft werden. Geschweige denn eine Öl- und in dem Fall auch Gasheizung. Leider fehlen zu diesem Endziel aber jegliche Schritte. Ein Grund zur Sorge ist eben die Unkonkretheit der Maßnahmen und dass bereits im Vorfeld anscheinend schon wieder an allen Ecken und Enden Zuständigkeiten und Ziele gestrichen wurden und deshalb nicht anzunehmen ist, dass sich die Interessensvertreter, die die letzten zehn Jahre die Dekarbonisierung verhindert haben, nun nicht auch noch fünf weitere Wochen alles daran setzen werden um die Strategie möglichst zahnlos ausfallen zu lassen. Aber die Hoffnung, dass nun doch ernsthafte Bemühungen unternommen werden, stirbt bekanntlich zuletzt.

„Was spricht da- gegen, alle öffent-lichen Gebäude mit Photovoltaik aus- zustatten? Das spart sowohl Geld als auch CO2.“

Ziel der #mission2030 ist eine hundertprozentige Stromversorgung Österreichs aus erneuerbaren Energiequellen bis zum Jahr 2030. Dafür sollen sowohl Energieeinsparungen als auch der weitere Ausbau der Erneuerbaren sorgen. Dazu beinhaltet der IKES-Entwurf das 100.000 Dächer Programm – wie stehen Sie im Allgemeinen zu diesem Programm?
Cornelia Daniel: Als Initiatorin des privaten Programms Tausendundein Dach mit dem Ziel 1001 Gewerbedächer zu solarisieren, begrüße ich dieses Programm natürlich. Vor allem, weil wir das Programm auch aus dem Grund gestartet haben, dass sich vor wenigen Jahren so wenig getan hat im Bereich Photovoltaik. In Deutschland der 90er Jahre wurde die Photovoltaik mit dem 1000-Dächer Programm und einem darauffolgenden 100.000 Dächer Programm auf einen historischen Erfolgspfad geführt. Da es diese Bewegung in Österreich nie gab, haben wir 2014 kurzerhand eben ein privates „1000-Dächer Programm“ gestartet mit der Hoffnung, dass ein staatliches 100.000 Dächer Programm folgen wird. Dass dies nun tatsächlich passiert ist erstmal erfreulich. Nicht so erfreulich ist, dass dem Programm (noch) die Maßnahmen fehlen und eine Verzehnfachung des Marktes bis 2022 gelingen muss, damit die Ziele bis 2030 erreicht werden. Davon sind wir auch mit einem 100.000 Dächer Programm weit entfernt und nach neuen Daten der E-Wirtschaft müssten 200.000 neue PV-Anlagen errichtet werden, aber Jahr für Jahr. Bis 2030 wären das in Summe rund 2,4 Millionen neue PV-Anlagen oder 12 GWp Zubau.

 

Der Klima- und Energiestrategie ist zu entnehmen, dass aktuell die Erzeugungsquote aus PV-Anlagen lediglich einem Anteil von 1 % liegt. Und, das obwohl 83 % der Österreicher einen „Strom aus Österreich“ wollen, 95 % sogar „Grünstrom“. Sie selbst sind jedoch der Meinung, dass eine Investitionsförderung allein nicht ausreicht – welche Ideen hätten Sie, um den prozentuellen Anteil dieser alternativen Energiegewinnung zu erhöhen?
Cornelia Daniel:Sie sagen es, wir sind erst bei einem Prozent und müssen bis 2050 auf 20 Prozent kommen. Dieses 1% haben wir in 10 Jahren geschafft und wir stehen vor nicht weniger als einem kompletten Umbau unseres Energiesystems. 10-20% Investitionsförderung sind dafür nicht das geeignete Mittel, wenn rundherum alles gleich bleibt. Das ist eine Illusion vor der ich eben warnen möchte. Nur mit der Investförderung eine Verzehnfachung des Marktes zu erreichen ist weder finanzierbar noch wird es passieren. Solange die Energiepreise nicht die Vollkosten widerspiegeln und die Netzentgelte auf dem alten zentralen Energiesystem basieren mit hohen Fixkosten und geringen variablen Anteilen nicht zu sprechen von allen rechtlichen Hürden, gibt es für Investoren nicht genug Anreize für die notwendigen Milliarden, die investiert werden müssen. 12 GWp Photovoltaik kosten immerhin ca. 12 Milliarden, was im Vergleich zur Hypo Pleite wieder Peanuts sind, aber für die Privatinvestoren, die auf lange Sicht investieren müssen, braucht es klare Signale des Marktes wo die Reise hingeht. Hier wäre auch die Vorbildwirkung des Staates extrem wichtig. Was spricht dagegen alle öffentlichen Gebäude mit Photovoltaik auszustatten? Der Strom vom eigenen Dach ist mittlerweile die günstigste Energiequelle und der Staat verfügt über enorm viel günstiges Kapital. Alles Gründe, die für eine große Staatsoffensive sprechen würden, und den prozentuellen Anteil schnell erhöhen würde.

Auch ist in der Klima- und Energiestrategie festgelegt, dass die Eigenstromsteuer gestrichen werden soll bzw. ist bereits derzeit die Eigenstromproduktion der ersten 25.000 kwh steuerbefreit. Der Wegfall dieser Eigenstromsteuer sollte im Rahmen der Steuerreform behandelt werden. Würde diese Reform Ihren Wünschen entsprechen oder glauben Sie, dass auch das wenig Anreiz bringt?
Cornelia Daniel:Das ist das das Mindeste, was passieren muss, weil diese Radiesschensteuer per se eine der ignorantesten Entscheidungen der Vorgängerregierung war. Diese Maßnahme ist also nur als Reparatur eines groben Fehlers und wir haben einige Kunden, die aufgrund der Steuer noch nicht investiert haben, also Ja, es wird einen gewissen Anreiz geben. Gleichzeit bräuchte es nach diesem Vertrauensbruch auch etwas, dass dieses Vertrauen wieder herstellt. Dort wo ich den größten Hebel sehe ist tatsächlich in einer ehrlichen ökologischen Steuerreform. Hier wäre sogar eine kostenneutrale und budgetschonende Variante möglich. Solarstrom ist in vielen Fällen schon günstiger als der Strom vom Netz. Hinderlich sind aber immer noch die Einmalkosten bei der Investition. Eine Sonderabschreibung auf wenige Jahre statt der vorgeschriebenen 20 würde in der kommenden Hochkonjunktur die sich gerade abzeichnet ungeahntes Investitionsvolumen in Richtung Photovoltaik auslösen und nebenbei 2,4 Milliarden an Umsatzsteuer in die Kassen spülen. Nicht zu sprechen von den Lohnsteuern, die durch die Tausenden Arbeitsplätze dazukommen würden. Es wäre im schlimmsten Fall ein Nullsummenspiel für den Finanzminister bei gleichzeitiger Erfüllung der Klimaziele. Eigentlich eine Win-Win-Win Situation. Leider wird mir immer wieder gesagt, dass das Finanzministerium für die Energie- und Klimastrategie aber nicht zuständig ist. Solange hier nicht wirklich eng zusammengearbeitet wird und an vielen Schrauben gedreht wird, kommen wir von den niedrigen jährlichen Zubauraten nur schwer weg. Die kleine Ökostromnovelle zeigt gerade erste Erfolge und es gibt im Moment keinen besseren Zeitpunkt zu investieren, das hört 2019 aber schon wieder auf und nun wäre es umso wichtiger für 2020 den richtig großen Wurf vorzubereiten. Wenn gewünscht werde ich auch meinen Anteil dazu beitragen.

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Klimatisch Bewegt


Urban gardening

Autor, Fotograf, Baum- und Naturexperte Conrad Amber im Interview

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Foto: Dietmar Mathis

(lisi) „Bäume auf die Dächer – Wälder in die Stadt“ – so der Buchtitel seines aktuellen Werkes, aber vielmehr ist es auch ein Plädoyer eines Querdenkers. Conrad Amber setzt sich mitreißend für eine nachhaltige Zukunft ein und zeigt dabei anhand von Beispielen auf, wie jeder Einzelne Veränderungen hervorrufen kann. Im Interview mit dem PASSIVHAUSmagazin spricht der Vorarlberger über seine beiden erschienenen Bücher, visionäre Projekte als auch bereits realisierte Referenzprojekte, die Wirkung von Grünpflanzen in urbanen Räumen, aber auch über Ansätze, wie die „Städte der Zukunft“ aussehen können und welche Tipps der Experte für Städteplaner parat hält.

Herr Amber, Sie sind Autor, Fotograf, aber auch Baum- und Naturexperte. Regelmäßig zeigen Sie bei Ihren Vorträgen visionäre Projekte. Direkt gefragt: Warum definieren Sie den Baum als Freund und Begleiter des Menschen?
Conrad Amber:
Wir sind Teil der Natur, wie eben der Baum auch. Ohne Bäume könnten wir auf unserer Welt nicht leben, sie geben uns Atemluft, versorgen uns mit Nahrung, regulieren Klima und Wasserhaushalt und wir nützen ihre Früchte, Nüsse, Blüten und Blätter, gewinnen aus ihnen Medizin und Holz. In vielen Regionen unserer Erde leben die Menschen vom Wald und Baum. Wer einen Baum pflanzt, denkt und handelt über Menschengenerationen hinaus.

In Ihrem neuesten Buch „Bäume auf die Dächer – Wälder in die Stadt“ sprechen Sie über Begrünungsinitiativen in verschiedensten Formen – von der Begrünung von Hochhäusern, bis hin zum Grünpflanzen-Projekt auf Felswänden. Im Allgemeinen appellieren Sie zu mehr „Grün“ in den Städten – welche Wirkung haben Grünpflanzen in urbanen Räumen und inwieweit profitieren wir, jeder Einzelne von uns, davon?
Conrad Amber
: Pflanzen erzeugen durch Photosynthese den für uns lebensnotwendigen Sauerstoff und entnehmen der Atemluft das CO2. Sie filtern die Luft von Schadstoffen und Feinstaub und befeuchten und kühlen ihre Umgebung. Dadurch werden sie zum Luftverbesserer in unseren Städten und zum entscheidenden Klimafaktor der Zukunft. Pflanzen bieten Nahrung für unsere Nützlinge und Bestäuber, bilden Lebensraum für unzählige Tiere und geben unserer Seele eine wunderbare, ausgleichende Wirkung. Wer Bäume in seiner Nachbarschaft hat, lebt beruhigter und gesünder.

Die Temperaturen unserer Städte steigen tendenziell als Folge bzw. Auswirkungen des Klimawandels an. Welche Ratschläge hätten Sie für Städteplaner (Häuserplaner) parat? Wie sollte die „Stadt der Zukunft“ aussehen?
Conrad Amber:
Je grüner, je naturnaher, desto besser. Und wenn wir genau hinschauen, ist pflanzliches Leben überall möglich. Auf unseren Flachdächern zuerst und am einfachsten. An vielen Fassaden können Rankpflanzen und Kletterpflanzen leben, auf unseren Balkonen Efeu, Farne und alle blühenden Pflanzen. Vor unseren Häusern gehören Gehwege, Fahrbahnränder und Brachflächen begrünt und unsere Stadtstraßen müssten mit Alleen-Reihen begrünt und beschattet werden. Freie Flächen sollten zu kleinen Wäldchen verwildern dürfen und die Überpflege der Parks muss reduziert und wieder naturfreundlicher werden. Die Wirkung auf Lebensqualität, Gesundheit und die Atemluft ist rasch feststellbar und wird sich jährlich steigern.

„Pflanzen filtern die Luft von Schadstoffen und befeuchten und kühlen ihre Umgebung. Dadurch werden sie zum Luftverbesserer in unseren Städten und zum entscheidenden Klimafaktor der Zukunft.“

In Ihrem Buch setzen Sie sich engagiert für eine nachhaltige Zukunft ein. Können Sie uns konkrete Beispiele aufzeigen? Inwieweit kann jeder Einzelne Veränderungen herbeirufen?
Conrad Amber
: Die Wanderallee in München (des Vereins GreenCity) hat schon viele Straßenzüge nachhaltig in Alleen verwandelt. Dachgärten auf Wohngebäuden (wie etwa auf der ehemaligen Sargfabrik in Wien) dienen als Vorbild für einen naturnahen, sozialen Wohnbau. Menschen sind auf ihrem Haus, graben in Erde und arbeiten mit Pflanzen oder genießen ihre Freizeit in der Natur. Urban gardening ist in vielen Städten zu einem wertvollen Bestandteil eines kooperativen und gesundheitssteigernden Lebens geworden. Wir alle können da mitmachen und uns einbringen. Eine Hausgemeinschaft dazu zu bringen, im Hof einen Baum oder eine grüne Insel zu schaffen, an der Hauswand Rankpflanzen zu setzen oder alle Balkone individuell zu begrünen. Freunde und Arbeitskollegen zu animieren und zu unterstützen, wenn sie grüne Aktionen planen. Bei Baumprojekten (wie in Hamburg oder München) zu spenden und damit das Pflanzen größerer Bäume zu ermöglichen u.v.m. 

Sie zeigen in Ihrem Buch auch positive Beispiele auf – zahlreiche Kommunen, Architekten oder Hausbesitzer haben bereits Vorzeigeprojekte realisiert – können Sie hierbei ein besonderes Referenzprojekt näher erläutern?
Conrad Amber:Aus den vielen naturschonenden Projekten ist es tatsächlich schwierig, auszuwählen. Vielleicht der Neubau einer Volksschule in Lauterach. Dort wurden auf dem Vorplatz des bestehenden Schulhauses einige Schulklassen-Gebäude dazu gefügt. Es gab einen schützenswerten Baumbestand und die Vorgabe, diesen zu schonen und einzubinden. So wurden die neuen Holzbauten auf Stützen gesetzt um unter dem mächtigen Flügelnussbaum oder neben einer großen Linde stehen zu können und eine optimale Wurzelschonung zu gewährleisten. Die große Blutbuche überschattet nun den Schul-Innenhof. Und auf den Dächern konnten mit intensiver Dachbegrünung Blumenwiesen angelegt werden, auf welchen tatsächlich regelmäßig der Bio-Unterricht abgehalten wird, im Schatten der großen Baumkronen. Ein wirklich gelungenes, preisgekröntes und vorbildliches Projekt, das von einem respektvollen Umgang mit Bäumen zeugt.

Von Ihrem Erstlingswerk „Baumwelten“ haben Sie allein im ersten Jahr über 10.000 Exemplare verkauft. Hierfür durchstreiften Sie jahrelang die schönsten und eindrucksvollsten Naturlandschaften Mitteleuropas. Wie kam es zu dieser Motivation? Und auf welchem Teil des Kontinents sind Sie auf die beeindruckendsten visuellen Erlebnisse gestoßen?
Conrad Amber:Ich bin nach wie vor in Mitteleuropa unterwegs. Damit erspare ich mir Flüge und weite Reisen. Das „Gute liegt so nah“. Anfänglich habe ich den Besuch der uralten Bäume und der letzten Naturwälder Europas für mich gemacht. Es gibt und gab kaum intensivere und schönere Erlebnisse. Doch dann wurde mir klar, dass ich diese einzigartigen Schätze mit anderen Menschen teilen sollte, damit eine Sensibilisierung stattfindet, eine neue Freude mit Bäumen und Wäldern entstehen kann und damit auch eine Haltung des Schätzens und des Schützens wachsen kann.

Wenn man nach vielstündiger Wanderung – wie im Val Mustaire auf 2.200 Meter plötzlich vor dem ältesten Zirben-Bergurwald der Welt steht, ist das unbeschreiblich. Dieses Gefühl des Entdeckens und Erfahrens ist so tief und stark und umfasst Dich mit allen Sinnen. Oder der Geruch des alten Hutewaldes Reinhardswald bei der Sababurg, in dem die Brüder Grimm ihre Märchen geschrieben haben. Ein Spaziergang dort, natürlich barfuß (!) bleibt Dir für immer erhalten. Und eine 1000 jährige Urlärche im Ultental im Südtirol anzufassen, sie zu umarmen, lässt sich kaum in Worte fassen. Ein Lebewesen von diesem Alter zu erfahren, ist eine grandiose Erfahrung, die eigentlich jeder von uns machen sollte. Dann verzichten wir gerne auf andere, luxuriöse Urlaube. Grundsätzlich sind die Baumgreise sehr selten geworden und viele von ihnen haben nur überlebt, weil sie entweder ganz versteckt leben und nicht gefällt wurden oder weil sie ein wichtiger Teil einer Dorfgeschichte oder ein dokumentiertes Denkmal geworden sind.

Noch eine sehr direkte Frage: Conrad Amber ist ihr Künstlername – warum treten Sie unter diesem Pseudonym auf?
Conrad Amber:Bei Autoren ist das übrigens oft der Fall. Conrad ist mein zweiter Vorname, der mir wesentlich besser gefällt. Und Amber ist bedeutungsvoll, steht für einen Ahornbaum, für Bernstein (uraltes Baumharz). Conrad Amber gibt es offenbar nur einmal und deshalb habe ich diesen Namen auch schützen lassen und möchte ihn – im Laufe meiner Tätigkeiten – zur Marke machen. Für mich half es sehr, meine neue Arbeit als Autor, Fotograf und Redner damit klar gegenüber meinen früheren Unternehmertätigkeiten zu trennen. Übrigens bin ich über Facebook mit einer Fotografin in den USA „befreundet“. Ihr Name: Amber Conrad. Ich schreibe ihr hello Amber, sie zurück : hello Conrad...

Abschließend sind wir noch neugierig, wie der Baum- und Naturexperte selbst lebt? Schmuckes Einfamilienhaus mit Garten oder begrüntes Hochhaus?
Conrad Amber:Vor 27 Jahren kaufte ich mir in Dornbirn ein Holzhaus mit kleinem Garten. Das wurde im Laufe der Zeit für unsere 5köpfige Familie ausgebaut und ich konnte Grund von Nachbarn zukaufen. Inzwischen ist ein Waldgarten entstanden, mit etwa 30jährigen Bäumen, an der Holzfassade klettern Pflanzen und weithin sichtbar kündet eine riesige Pappel vor dem Haus, wo es zum Amber geht. Mein Gartenbüro im Haus befindet sich in einem geräumigen Wintergarten mit freier Sicht in meinen wildromantischen Garten. Ich sitze vor den Computern an unbehandelten Zirbenholztischen, beobachte die Vögel und die Natur im Garten, empfange hier Gäste und arbeite deshalb manchmal viel zu lange. Aber in dieser Umgebung macht mir das reine Freude und alle Besucher und meine Lieben verstehen das auch.

Kontakt: www.conradamber.at